35.000 Hitzetote? Was von der Leyens Zahl tatsächlich misst

35.000 Hitzetote? Was von der Leyens Zahl tatsächlich misst | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by OpenAI 5.5
Bild: 35.000 Hitzetote? Was von der Leyens Zahl tatsächlich misst | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by OpenAI 5.5

Kurzfassung

Ursula von der Leyen spricht von mehr als 35.000 zusätzlichen Todesfällen während Europas Hitzewellen 2026. Doch „Hitzetote“ sind meist keine direkt auf Totenscheinen erfassten Fälle, sondern statistisch geschätzte zusätzliche Todesfälle. Besonders betroffen sind ältere und vorerkrankte Menschen. Das macht die Zahlen erklärungsbedürftig, aber nicht bedeutungslos: Entscheidend ist, zwischen beobachteter Übersterblichkeit, modellierter Hitzezuordnung und unmittelbarer Todesursache sauber zu unterscheiden.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Ursula von der Leyen hat in ihrer Rede zur Lage der Union eine Zahl gesetzt, die hängen bleibt: Während der Hitzewellen dieses Sommers seien in Europa „mehr als 35.000 Menschen zusätzlich“ gestorben.1luxembourg.representation.ec.europa.eu
Offizielle deutsche Fassung der Rede zur Lage der Union vom 16. September 2026 mit der Angabe von mehr als 35.000 zusätzlichen Todesfällen.
Das ist ernst. Aber es ist nicht dasselbe wie 35.000 Totenscheine, auf denen „Hitze“ als Todesursache steht.

35.000 Tote – was wurde tatsächlich gezählt?

Die Zahl stammt aus noch unvollständigen europäischen Mortalitätsdaten. Der Guardian berichtete bereits Ende August von mindestens 35.000 zusätzlichen Todesfällen während mehrerer aufeinanderfolgender Hitzewellen; er betonte zugleich, dass die Daten damals nur etwa die Hälfte Europas abdeckten und August noch nicht vollständig enthalten war.2theguardian.com
Der Bericht erläutert Herkunft und vorläufigen Charakter der europaweiten Zahl sowie die damals noch unvollständige geografische Abdeckung.

Entscheidend ist der Begriff „zusätzlich“. Gemessen oder modelliert wird, wie viele Menschen in einer Hitzeperiode mehr sterben als unter vergleichbaren Bedingungen ohne diese Hitze zu erwarten wären.

Damit ist „Hitzetote“ eine epidemiologische Zuschreibung – keine einfache Zählung eindeutiger Todesursachen. Dass solche Verfahren etabliert sind, zeigt etwa eine große europäische Studie zum Sommer 2022, die auf Basis von Mortalitäts- und Temperaturdaten rund 61.700 hitzebedingte Todesfälle schätzte.3nature.com
Nature Medicine beschreibt das epidemiologische Modell und die Schätzung von 61.672 hitzebedingten Todesfällen im europäischen Sommer 2022.
Schätzung bedeutet dabei ausdrücklich auch Unsicherheit – nicht freie Erfindung.

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Die Ältesten tragen den größten Teil

Der kritische Punkt ist die Altersstruktur. In Deutschland schätzte das Robert Koch-Institut bis Kalenderwoche 32 rund 14.000 hitzebedingte Sterbefälle. Davon entfielen etwa 3.450 auf die Altersgruppe 75 bis 84 Jahre und 7.040 auf Menschen ab 85. Zusammen sind das rund drei Viertel aller geschätzten Fälle; allein die Gruppe 85 plus macht ungefähr die Hälfte aus.4edoc.rki.de
Der RKI-Wochenbericht weist für 2026 die geschätzten hitzebedingten Sterbefälle detailliert nach Altersgruppen und mit Prädiktionsintervallen aus.

Auch europäische Langzeitanalysen zeigen dieselbe Richtung. Eine Nature-Communications-Studie zu den Sommern 2010 bis 2022 kam auf einen Anteil von 89,4 Prozent der hitzebedingten Todesfälle bei Menschen ab 65 Jahren.5nature.com
Die europäische Langzeitanalyse beziffert den Anteil der hitzebedingten Todesfälle bei Menschen ab 65 Jahren auf rund 89,4 Prozent.
Das ist kein Nebendetail, sondern zentral für die Einordnung: Hitze trifft vor allem Menschen, deren Organismus und Vorerkrankungen ohnehin eine hohe Verwundbarkeit erzeugen.

Die Behauptung, solche Todesfälle seien deshalb „eigentlich“ nur Folge der Vorerkrankung oder von Dehydration, greift jedoch zu kurz. Die WHO beschreibt Hitze ausdrücklich als Belastungsfaktor, der bestehende Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und andere Erkrankungen verschärfen kann.6who.int
Die WHO erläutert die medizinischen Wirkmechanismen von Hitze und ihre Wechselwirkungen mit bestehenden Erkrankungen und gesundheitlichen Risikofaktoren.
Hitze und Vorerkrankung sind deshalb häufig keine konkurrierenden Erklärungen, sondern wirken zusammen.

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Schätzung heißt nicht Gewissheit – aber auch nicht Alarmismus

Die seriöse Kritik liegt deshalb nicht darin, die 35.000 pauschal als erfunden abzutun. Sie liegt in der präzisen Sprache. Von der Leyen sagte selbst „zusätzliche Todesfälle während der Hitzewellen“. Aus dieser Formulierung wird in Schlagzeilen schnell „35.000 Hitzetote“ – und damit klingt eine statistische Zuordnung eindeutiger, als sie methodisch ist.

Umgekehrt wäre es ebenso falsch, Übersterblichkeit im Hochsommer automatisch als zufälliges Sterben sehr alter Menschen abzutun. Studien für Europa zeigen einen starken Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und Mortalität; aktuelle Attributionsforschung untersucht zusätzlich, wie menschengemachte Erwärmung die Wahrscheinlichkeit extremer hitzebedingter Mortalitätsereignisse verändert.7nature.com
Die 2026 veröffentlichte Studie verbindet epidemiologische Modelle mit Extremereignis-Attribution zur Untersuchung klimabedingter Veränderungen der Hitzemortalität.

Die nüchterne Wahrheit liegt zwischen den Schlagworten: Ja, die Opfer sind weit überwiegend alt und häufig vorerkrankt. Ja, die Zahlen sind modellierte Schätzungen mit Unsicherheit. Und trotzdem gibt es belastbare Evidenz dafür, dass extreme Hitze zusätzliche Todesfälle auslöst oder zeitlich vorzieht.

Wer darüber streitet, sollte deshalb zuerst sagen, was die Zahl misst – und erst dann, welche politische Konsequenz er daraus ziehen will.

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