Die Zahlen sind unbequem, weil sie nicht in das gewohnte politische Deutungsmuster passen. Die AfD wird im öffentlichen Diskurs häufig als Partei beschrieben, von der Gefahr ausgehe. Doch bei politisch motivierter Gewalt gegen Parteivertreter zeigt sich für das Jahr 2025 ein anderes Bild: Nach Berichten über eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion wurde keine andere Bundestagspartei häufiger Ziel solcher Gewaltdelikte als die AfD.1Berliner Zeitung: AfD deutlich häufiger von politischer Gewalt betroffen
Der Bericht stützt die zentrale Zahlenbasis zu Gewaltdelikten gegen AfD-Vertreter und ordnet sie als Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage ein.
Demnach registrierten die Sicherheitsbehörden 2025 bundesweit 121 Gewaltdelikte gegen Vertreter und Mitglieder der AfD. Mit deutlichem Abstand folgten die Linke mit 16 Fällen, die Grünen mit 13 sowie CDU und SPD mit jeweils zwölf Fällen. Insgesamt wurden 193 Gewaltdelikte gegen Vertreter von Bundestagsparteien erfasst. Damit entfielen rechnerisch fast zwei Drittel dieser Gewaltfälle auf die AfD.
Die AfD ist nicht nur Täterbild, sondern auch Opferstatistik
Gerade darin liegt die politische Sprengkraft. In der öffentlichen Debatte wird über die AfD meist als Problem gesprochen: als rechtspopulistische, rechtsradikale oder rechtsextreme Kraft, als Herausforderung für die Demokratie, als Partei der Zuspitzung. Diese Debatte ist legitim, solange sie auf überprüfbaren Fakten, politischer Kritik und demokratischer Auseinandersetzung beruht. Sie wird aber gefährlich, wenn aus Kritik eine moralische Totalverwerfung wird.
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat in einer Analyse zum Umgang mit dem Rechtsextremismus in der AfD selbst darauf hingewiesen, dass eine bloß symbolische Dämonisierung der Partei politisch kontraproduktiv sein kann. Statt Ausgrenzungsritualen empfiehlt der Beitrag eine offensive, selbstbewusste Debatte mit AfD-Vertretern.2bpb: Wie umgehen mit dem Rechtsextremismus in der AfD?
Die Analyse liefert den institutionellen Rahmen zur Frage, warum politische Dämonisierung der AfD problematisch und demokratische Auseinandersetzung sinnvoller sein kann.
Das bedeutet nicht, die AfD politisch zu entlasten. Es bedeutet aber, eine Grenze klar zu ziehen: Wer eine Partei kritisiert, betreibt Demokratie. Wer ihre Vertreter symbolisch aus dem Kreis legitimer politischer Gegner herausdefiniert, verändert den psychologischen Rahmen der Auseinandersetzung.
5.140 Straftaten gegen Parteivertreter
Der größere statistische Rahmen verschärft den Befund. Für 2025 wurden laut Medienberichten über die Regierungsantwort insgesamt 5.140 Straftaten gegen Parteivertreter beziehungsweise Parteimitglieder registriert. Davon entfielen 1.852 Fälle auf die AfD. Erfasst werden darunter nicht nur Gewaltdelikte, sondern auch Beleidigungen, Verleumdungen, Sachbeschädigungen, Störungen politischer Veranstaltungen oder Angriffe auf Wahlplakate und Parteibüros.3BKA: Bundesweite Fallzahlen Politisch motivierte Kriminalität 2024
Der Bericht erklärt Systematik und statistischen Kontext der politisch motivierten Kriminalität, wichtig zur Einordnung von Fallzahlen, Phänomenbereichen und Erfassung.
Gerade diese Differenzierung ist entscheidend. Ein beschädigtes Wahlplakat ist nicht dasselbe wie ein körperlicher Angriff. Eine Beleidigung ist kein Gewaltdelikt. Aber zusammen zeigen die Zahlen eine politische Atmosphäre, in der Parteizugehörigkeit immer häufiger selbst zum Angriffsziel wird. Die AfD steht in dieser Statistik nicht am Rand, sondern im Zentrum.
Besonders heikel ist die Zuordnung der Gewaltdelikte. Von den 121 Gewalttaten gegen AfD-Vertreter wurden nach der vorliegenden Berichterstattung 103 dem linken Spektrum zugeordnet. Diese Formulierung muss präzise bleiben: Es handelt sich um eine polizeiliche Zuordnung im System politisch motivierter Kriminalität, nicht automatisch um rechtskräftig festgestellte individuelle Täterschaft. Trotzdem ist der Befund politisch erheblich.4ZDFheute: Angriffe auf Parteivertreter stiegen 2025 um 40 Prozent
Der Bericht ordnet die Gesamtzahl der Straftaten gegen Parteivertreter ein und zeigt die besonders hohe Betroffenheit der AfD im Jahr 2025.
Wenn politische Sprache entgrenzt
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die AfD kritisiert werden darf. Selbstverständlich darf sie das. Die Frage lautet vielmehr: Ab wann wird aus Kritik eine Entmenschlichung des politischen Gegners? Ab wann wird aus demokratischer Abgrenzung ein moralisches Freigabesignal für jene, die Gewalt ohnehin für ein legitimes Mittel halten?
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess wertete die Zahlen als Beleg dafür, dass seine Partei bundesweit am stärksten von politisch motivierten Angriffen betroffen sei. Seine weitergehende Deutung, wonach die „Hetze der Altparteien“ wie ein Brandbeschleuniger wirke, ist eine politische Bewertung. Sie ist nicht als Kausalnachweis zu behandeln. Aber sie berührt einen realen Punkt: Sprache kann politische Gegner normalisieren, kritisieren, delegitimieren oder dämonisieren.
Wer politische Gegner dauerhaft als existenzielle Bedrohung, als Feinde der Menschlichkeit oder als außerhalb der demokratischen Ordnung stehend markiert, schafft ein Klima, in dem extreme Akteure ihre Gewalt leichter moralisch rechtfertigen können. Das ist kein Automatismus. Nicht jede scharfe Rede führt zu Gewalt. Aber die Forschung zu Polarisierung und politischer Gewalt warnt ausdrücklich vor dehumanisierender und herabwürdigender Rhetorik, wenn sie Gewalt oder Drohungen gegen Gruppen normalisiert.5Carnegie Endowment: Polarization, Democracy, and Political Violence
Die Analyse beschreibt, wie dehumanisierende und herabwürdigende Rhetorik politische Gewalt begünstigen kann, ohne einfache direkte Kausalität zu behaupten.
Die USA als Warnsignal, nicht als Kopie
Ein Blick in die USA zeigt, wie gefährlich politische Entmenschlichung werden kann. Dort hat sich die politische Auseinandersetzung über Jahre radikalisiert. Gegner werden nicht mehr nur als falsch, sondern als illegitim, gefährlich oder böse beschrieben. Attentate, Drohungen und Gewaltakte stehen nicht monokausal am Ende solcher Rhetorik. Aber sie entstehen leichter in einem Klima, in dem der politische Gegner nicht mehr als Gegner, sondern als Feind wahrgenommen wird.
Die Parallele zu Deutschland darf nicht überzogen werden. Die Bundesrepublik hat andere Institutionen, andere Parteienstrukturen und eine andere Gewaltgeschichte. Doch der Mechanismus ist vergleichbar: Wo Politik zur moralischen Feinderklärung wird, sinkt die Hemmschwelle. Wo der Gegner nicht mehr argumentativ gestellt, sondern symbolisch aus der Gemeinschaft ausgestoßen wird, wächst die Gefahr der Enthemmung.
Demokratie braucht Streit, aber keine Freigabe zur Gewalt
Die AfD muss sich scharfer Kritik stellen. Ihre Programmatik, ihre Sprache, ihre personellen Verbindungen und ihre Wirkung auf das politische Klima dürfen und müssen analysiert werden. Aber demokratische Kritik verliert ihre Legitimität, wenn sie selbst zur Entgrenzung beiträgt. Wer Gewalt gegen politische Gegner verharmlost, relativiert oder mit einem vermeintlich höheren Zweck erklärt, beschädigt die Demokratie unabhängig davon, welche Partei betroffen ist.
Die Zahlen zu Angriffen auf AfD-Vertreter sind deshalb mehr als eine Parteistatistik. Sie sind ein Testfall für demokratische Redlichkeit. Gilt der Schutz politischer Teilhabe nur für die eigenen Leute? Oder gilt er auch für jene, deren Positionen man entschieden ablehnt?
Eine Demokratie, die diesen Unterschied vergisst, verliert ihren Kern. Sie lebt von Konflikt, Widerspruch und harter Auseinandersetzung. Aber sie endet dort, wo politische Gegner zum Freiwild erklärt werden. Die AfD steht im Fadenkreuz politischer Gewalt. Wer das nur deshalb kleinredet, weil es die falsche Partei trifft, hat das Prinzip demokratischer Gewaltfreiheit nicht verstanden.
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