Kurzfassung
Ornella Muti und ihre Tochter Naike Rivelli wollen die russische Staatsbürgerschaft beantragen. Nach Angaben Rivellis geht es um Herkunft, Familie, Freunde und das Gefühl, in Russland nicht nur Gast zu sein. 1ANSA: Ornella Muti und Tochter beantragen russische Staatsbürgerschaft
ANSA berichtet am 22. Juli 2026, dass Rivelli und Muti die russische Staatsbürgerschaft beantragen und dabei ihre familiären Wurzeln betonen. Italienische Medien berichten, die beiden formalisierten ihren seit Jahren geäußerten Wunsch und erwögen zudem den Kauf eines Hauses in Moskau oder St. Petersburg. 2La Repubblica: Muti und Rivelli wollen doppelte Staatsbürgerschaft
La Repubblica beschreibt die Formalisierung des Antrags, familiäre Bezüge zu St. Petersburg und Estland sowie den Wunsch nach doppelter Staatsbürgerschaft.
Privat ist das nachvollziehbar: Herkunft lässt sich nicht durch Sanktionen, Grenzen oder politische Lager ausradieren. Öffentlich bleibt der Schritt dennoch nicht unpolitisch. Seit Russlands Krieg gegen die Ukraine stehen Russland und die Europäische Union in einem tiefen Konflikt; weitreichende Sanktionen und Verkehrsrestriktionen prägen die Beziehungen. 3Rat der EU: Sanktionen gegen Russland
Der Rat der EU dokumentiert die fortbestehenden Sanktionen gegen Russland, darunter weitreichende Beschränkungen in Handel, Verkehr, Finanzen und Luftfahrt. Ein russischer Pass für zwei prominente Italienerinnen wird deshalb zwangsläufig als Symbol gelesen.
Das bedeutet nicht, dass Muti und Rivelli im Auftrag des Kreml handeln. Dafür gibt es keinen Beleg. Aber Prominenz verwandelt eine persönliche Entscheidung in eine öffentliche Botschaft. Entscheidend ist nicht, ob sie ihre Wurzeln lieben dürfen. Natürlich dürfen sie das. Entscheidend ist, ob Moskau eine private Heimatsuche politisch inszeniert – und ob die beiden bereit sind, diese Wirkung mitzudenken.
Artikel
Ornella Muti und ihre Tochter Naike Rivelli wollen russische Staatsbürgerinnen werden. Was zunächst wie eine private Familienentscheidung klingt, berührt im Europa des Jahres 2026 zwangsläufig die große Politik. Kann ein Pass einfach nur Ausdruck von Herkunft und Heimatgefühl sein, wenn er von einem Staat vergeben wird, der Krieg führt, unter umfassenden Sanktionen steht und prominente Einbürgerungen seit Jahren öffentlichkeitswirksam nutzt?
Nach den aktuellen Berichten befindet sich das Vorhaben noch im Stadium des Antrags beziehungsweise seiner Formalisierung. Von einer bereits erfolgten Einbürgerung kann daher nicht gesprochen werden. Rivelli begründet den Schritt mit familiären Bindungen, häufigen Reisen, Freunden und dem Wunsch, sich in Russland wirklich zu Hause zu fühlen. Zugleich sollen Mutter und Tochter über den Kauf eines Hauses in Moskau oder St. Petersburg nachdenken. Das ist zunächst eine persönliche Lebensplanung, keine politische Erklärung.
Herkunft ist kein politisches Geständnis
Die familiäre Geschichte ist komplexer, als es die Schlagzeile von den „russischen Wurzeln“ vermuten lässt. Rivelli erläuterte italienischen Medien, Mutis Großmutter sei aus St. Petersburg gekommen, während Mutis Mutter aus Estland stammte. In Osteuropa verlaufen Familiengeschichten selten entlang der heutigen Staatsgrenzen. Russische, baltische, deutsche und sowjetische Biografien können sich überlagern, ohne sich sauber in eine einzige nationale Schublade pressen zu lassen.
Gerade deshalb wäre es billig, Muti und Rivelli ihre Herkunft abzusprechen oder ihnen aus familiärer Verbundenheit einen politischen Loyalitätsbeweis zu konstruieren. Niemand muss seine Verwandten, Erinnerungen oder kulturellen Prägungen aufgeben, weil Regierungen miteinander verfeindet sind. Wer russische Literatur, Sprache oder Menschen schätzt, unterstützt damit nicht automatisch den Kreml. Diese Trennung ist für eine freie Gesellschaft elementar.
Allerdings gilt auch die umgekehrte Wahrheit: Prominente können nicht vollständig kontrollieren, welche Bedeutung ihre Entscheidungen im politischen Raum erhalten. Ein russischer Pass ist heute nicht nur ein Reisedokument. Er wird in einer Lage beantragt, in der die Europäische Union umfangreiche Sanktionen gegen Russland aufrechterhält und die Beziehungen durch den Krieg gegen die Ukraine tief beschädigt sind. Das macht die Einbürgerung nicht illegitim, aber öffentlich erklärungsbedürftig.
Der Pass als Bühne staatlicher Symbolpolitik
Russland hat prominente Einbürgerungen wiederholt sichtbar inszeniert. Der französische Schauspieler Gérard Depardieu erhielt 2013 die russische Staatsbürgerschaft. Drei Jahre später übergab Wladimir Putin dem amerikanischen Actiondarsteller Steven Seagal persönlich dessen Pass. 4Reuters: Putin übergibt Steven Seagal russischen Pass
Reuters dokumentierte 2016, wie Putin Steven Seagal persönlich den Pass übergab; zuvor hatte bereits Gérard Depardieu die russische Staatsbürgerschaft erhalten. Solche Fälle beweisen nicht, dass jede prominente Einbürgerung propagandistisch gesteuert ist. Sie zeigen aber, dass der Kreml den symbolischen Wert international bekannter Namen erkennt und nutzt.
Auch im Juli 2026 setzte sich diese Reihe fort. Der belgische Autodesigner Pierre Leclercq wurde per Dekret eingebürgert. 5Meduza: Pierre Leclercq erhält russische Staatsbürgerschaft
Meduza berichtete am 13. Juli 2026 über das Dekret, mit dem der belgische Autodesigner Pierre Leclercq russischer Staatsbürger wurde. Leclercq ist in der Automobilbranche kein unbekannter Name; das BMW-Pressearchiv führt ihn als Verantwortlichen für das Exterieurdesign des Concept X6. 6BMW Group: Pierre Leclercq und das Concept X6
Das BMW-Pressearchiv weist Pierre Leclercq als Verantwortlichen für das Exterieurdesign des Concept X6 im Jahr 2007 aus. Der Vorgang zeigt, dass Russland weiterhin bereit ist, ausländischen Persönlichkeiten individuell und öffentlichkeitswirksam die Staatsbürgerschaft zu verleihen.
Für Muti und Rivelli entsteht daraus ein Dilemma. Sie können den Antrag aus ehrlichen persönlichen Gründen stellen und dennoch Teil einer politischen Erzählung werden, die lautet: Trotz westlicher Sanktionen, Kritik und kultureller Abgrenzung entscheiden sich bekannte Europäer bewusst für Russland. Ob die beiden diese Botschaft teilen, ist nicht belegt. Dass ihre Namen dafür verwendet werden können, ist jedoch politisch naheliegend.
Wer prominent ist, trägt deshalb keine Schuld an jeder fremden Deutung. Aber Öffentlichkeit schafft Verantwortung. Muti und Rivelli müssten sich nicht für ihre Herkunft rechtfertigen. Sie sollten jedoch klar benennen, ob ihre Entscheidung ausschließlich familiär und praktisch motiviert ist, wie sie zum Krieg gegen die Ukraine stehen und ob sie eine staatliche Vereinnahmung ihrer Person ablehnen. Schweigen würde die Deutung anderen überlassen.
Nähe zu Russland ist bei Muti keine neue Wendung
Der Wunsch nach einem russischen Pass kommt nicht überraschend. Muti äußerte bereits Jahre vor dem aktuellen Antrag öffentlich, sie wolle russische Staatsbürgerin werden. Schon 2018 wurde über diesen Wunsch und eine Wohnung in Moskau berichtet. 7TASS: Muti äußerte bereits 2018 Einbürgerungswunsch
Bereits 2018 erklärte Muti öffentlich, sie wünsche sich die russische Staatsbürgerschaft; damals wurde auch über eine Wohnung in Moskau berichtet. Die heutige Entscheidung wirkt deshalb eher wie die Fortsetzung einer lange gepflegten Verbindung als wie eine spontane politische Provokation.
Auch ihre persönliche Nähe zu Russland und zu Veranstaltungen mit russischen Spitzenpolitikern ist dokumentiert. Ein besonders bekannter Vorgang reicht in das Jahr 2010 zurück: Muti sagte einen Theaterauftritt unter Vorlage einer Krankmeldung ab, nahm aber an einem Dinner mit Putin in St. Petersburg teil. Italiens Kassationsgericht bestätigte später eine Bewährungsstrafe wegen versuchten Betrugs. 8Italienisches Urteil im Fall Ornella Muti
Italiens Kassationsgericht bestätigte 2019 eine Bewährungsstrafe wegen versuchten Betrugs im Zusammenhang mit einem abgesagten Theaterauftritt und einem Putin-Dinner. Entscheidend ist die juristische Präzision: Verurteilt wurde nicht ihre Russlandnähe, sondern das Verhalten gegenüber dem Theater.
Der Fall prägt dennoch die öffentliche Wahrnehmung. Er zeigt, dass die Verbindung zu Russland bei Muti seit Langem mehr ist als eine abstrakte Familienerzählung. Sie war bereit, dafür erhebliche persönliche und berufliche Risiken einzugehen. Das kann als Ausdruck tiefer Verbundenheit gelesen werden. Kritiker werden darin hingegen eine auffällige Nähe zu russischen Machteliten sehen. Beides sind Bewertungen; der belegbare Kern bleibt die langjährige Kontinuität ihrer Russlandkontakte.
Diese Kontinuität spricht gegen die Unterstellung, der Passantrag sei bloß ein kurzfristiger Werbegag. Sie schützt Muti und Rivelli aber nicht vor politischer Kritik. Gerade weil der Wunsch lange besteht, stellt sich die Frage, wie sie ihn nach dem russischen Angriff auf die Ukraine neu bewertet haben. Eine Haltung aus dem Jahr 2018 kann im Jahr 2026 dieselbe persönliche Ursache haben, aber eine völlig andere öffentliche Wirkung entfalten.
Doppelte Staatsbürgerschaft, doppelte Lesbarkeit
Rechtlich ist eine doppelte Staatsbürgerschaft für Italiener grundsätzlich möglich. Der Erwerb einer weiteren Staatsangehörigkeit führt nach italienischem Recht seit 1992 im Regelfall nicht automatisch zum Verlust der italienischen. 9Italienisches Außenministerium zur Mehrstaatigkeit
Das italienische Außenministerium erläutert, dass Italiener beim Erwerb einer ausländischen Staatsangehörigkeit seit 1992 grundsätzlich ihre italienische Staatsbürgerschaft behalten. Ob Muti und Rivelli die russischen Voraussetzungen erfüllen, welches Verfahren angewandt wird und wann eine Entscheidung fällt, ist öffentlich noch nicht geklärt. Ein Antrag ist kein Anspruch auf einen Pass.
Das russische Staatsbürgerschaftsrecht wurde in den vergangenen Jahren verändert und kennt neben dem regulären Verfahren verschiedene erleichterte Wege. 10Fragomen: Reform des russischen Staatsbürgerschaftsrechts
Fragomen fasst das seit 2023 geltende russische Staatsbürgerschaftsrecht zusammen, einschließlich veränderter Einbürgerungswege, verkürzter Fristen und Regeln zu Mehrstaatigkeit. Familiäre Abstammung, frühere Bindungen an Gebiete des Russischen Reiches oder der Sowjetunion und besondere Entscheidungen staatlicher Stellen können eine Rolle spielen. Daraus folgt aber nicht, dass die Einbürgerung der beiden bereits feststeht. Die Überschrift „vor Einbürgerung“ wäre deshalb zu weitgehend; korrekt ist: Sie wollen die Staatsbürgerschaft beantragen beziehungsweise formalisieren den Antrag.
Gesellschaftlich bleibt der Vorgang ein Test dafür, ob Europa noch zwischen russischer Kultur, russischen Menschen und der Politik des russischen Staates unterscheiden kann. Wer Muti und Rivelli allein wegen ihrer Wurzeln moralisch verurteilt, macht nationale Herkunft zur Gesinnungsprüfung. Wer umgekehrt jede politische Dimension des Passes leugnet, unterschätzt die Macht prominenter Bilder in einem geopolitischen Konflikt.
Die faire Position liegt dazwischen: Ihre familiäre Verbundenheit verdient Respekt. Ihre Entscheidung verdient zugleich kritische Fragen. Nicht weil ein russischer Pass automatisch ein Bekenntnis zu Putin wäre, sondern weil er in der Gegenwart kaum ohne politische Resonanz bleibt. Die eigentliche Verantwortung beginnt daher nicht beim Antrag selbst, sondern beim Umgang mit seiner Wirkung. Werden Muti und Rivelli ihre Geschichte selbst erklären – oder lassen sie andere daraus eine Geschichte über Europa, Russland und vermeintliche Loyalitäten machen?
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