Tagesschau feiert: Lettland streicht Russisch – „Hallo statt Privjet“

Tagesschau feiert: Lettland streicht Russisch - „Hallo statt Privjet“ | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by OpenAI 5.5
Bild: Tagesschau feiert: Lettland streicht Russisch - „Hallo statt Privjet“ | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by OpenAI 5.5

Kurzfassung

Seit diesem Schuljahr dürfen lettische Schüler Russisch grundsätzlich nicht mehr neu als zweite Fremdsprache beginnen. Stattdessen müssen Schulen EU- oder EWR-Amtssprachen beziehungsweise vertraglich geregelte Sprachen anbieten. Deutsch boomt. Die Tagesschau verkauft den Kurs als europäische Neuorientierung. Doch in einem Land, in dem rund ein Drittel der Menschen zu Hause Russisch spricht, bleibt eine unbequeme Frage: Wo endet legitime Stärkung der Staatssprache – und wo beginnt politisch gewollte sprachliche Verdrängung?

 

 

Inhaltsverzeichnis

Lettland zieht sprachpolitisch eine weitere Grenze zu Russland. Seit dem Schuljahr 2026/27 kann Russisch nicht mehr regulär neu als zweite Fremdsprache gewählt werden. Die Tagesschau überschreibt ihre Meldung demonstrativ mit „Hallo statt Privjet“ und beschreibt den Schritt als stärkere Orientierung nach Europa.1tagesschau.de
Der ARD-Bericht beschreibt die Sprachreform und den starken Bedeutungsgewinn des Deutschen an lettischen Schulen.

 

 

Russisch raus – aber nicht ganz so simpel

Die Schlagzeile „Russisch verboten“ ist zugespitzt – juristisch liegt der Fall genauer. Seit dem 1. September 2026 muss die neu begonnene zweite Fremdsprache eine Amtsprache der EU oder des Europäischen Wirtschaftsraums sein oder auf einem entsprechenden zwischenstaatlichen Bildungsabkommen beruhen.2likumi.lv
Die lettische Rechtsgrundlage regelt die Auswahl der zweiten Fremdsprache und Übergangsfristen für bereits begonnenen Russischunterricht.

Wer Russisch bereits bis Ende des Schuljahres 2025/26 begonnen hatte, darf es übergangsweise weiterlernen, längstens bis zum Ende 2027/28. Parallel wurde die allgemeine Umstellung früherer Minderheitenschulen auf Unterricht in lettischer Sprache seit 2023 stufenweise vollzogen; Angebote zu Minderheitensprache und Kulturgeschichte bleiben außerhalb des regulären Fachunterrichts möglich.3izm.gov.lv
Das lettische Bildungsministerium dokumentiert die schrittweise Umstellung auf lettischsprachigen Unterricht und verbleibende Minderheitenangebote.

Das ist keine sprachliche Kleinigkeit. Es ist staatliche Identitätspolitik – legitim begründbar mit Lettlands Geschichte und Sicherheitsinteressen, aber deswegen nicht automatisch frei von Folgen für Minderheiten.

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Deutsch rein: Deutschland nutzt die Lücke

Der große Gewinner heißt Deutsch. Das Goethe-Institut erklärt selbst, mehr als 80 Prozent der Schulen führten Deutsch als zweite Fremdsprache ein; bei einer Erhebung wollten 401 von 450 befragten Schulen Deutsch anbieten.4goethe.de
Das Goethe-Institut nennt Umfang und Nachfrage des Deutsch-Ausbaus im Zuge der lettischen Fremdsprachenreform.

Dazu läuft „Mit Deutsch durchstarten“, ein Programm der Goethe-Institute im Baltikum für Fortbildung, Qualifizierung und Vernetzung von Deutschlehrkräften.5goethe.de
Das Projekt fördert Deutsch als zweite Fremdsprache durch Lehrerqualifizierung, Vernetzung und Angebote für Schüler.
Rund 57.000 Kinder lernen laut Tagesschau inzwischen Deutsch, knapp 600 Lehrkräfte unterrichten die Sprache.

Deutschland betreibt damit klassische Kultur- und Bildungspolitik. Das ist weder geheim noch anrüchig. Nur sollte man es auch so nennen: Wo russischer Einfluss politisch zurückgedrängt wird, wächst westlicher Einfluss nach.

 

 

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Ein Drittel spricht Russisch – wer hört ihnen zu?

Genau hier wird es unbequem. Lettlands Statistikbehörde ermittelte für 2022, dass 34,6 Prozent der 18- bis 69-Jährigen zu Hause Russisch sprechen; 37,7 Prozent nannten Russisch als eine Muttersprache.6stat.gov.lv
Die amtliche Statistik beziffert Muttersprachen und zu Hause verwendete Sprachen in Lettland für das Jahr 2022.

Wer eine Sprache aus dem regulären Fremdsprachenangebot drängt, die für einen erheblichen Bevölkerungsteil Alltagssprache ist, muss deshalb Kritik aushalten. Der historische Hintergrund sowjetischer Besatzung erklärt Lettlands Misstrauen gegenüber Moskau. Er beantwortet aber nicht automatisch jede minderheitenpolitische Frage.

Die jüngste Wahl zeigt zudem, dass der Konflikt politisch lebt: „Latvija pirmajā vietā“ kam auf 13,076 Prozent, während „Stabilitātei!“ des inzwischen in Belarus lebenden Aleksejs Rosļikovs nur noch 1,997 Prozent erreichte.7cvk.lv
Die lettische Wahlkommission veröffentlicht die amtlichen Ergebnisse der Parlamentswahl vom Oktober 2026.

Und der drastische Vergleich? Würde Sachsen Sorbisch aus zentralen Bildungsangeboten drängen und zugleich ausgerechnet ein historisch belastetes deutsches Gegenmodell aufwerten, wäre der Aufschrei gewaltig. Den nationalsozialistischen „Stürmer“ als direkte Analogie heranzuziehen, wäre historisch maßlos – aber gerade diese Übertreibung zeigt die Kernfrage: Bewerten wir Sprachpolitik nach Prinzipien oder danach, welche Sprache politisch gerade erwünscht ist?

Die Tagesschau hätte genau diesen Widerspruch stärker ausleuchten können. „Hallo statt Privjet“ klingt flott. Für Zehntausende Familien geht es aber nicht um eine nette Vokabelstunde, sondern darum, welchen Platz ihre Sprache künftig im Staat haben soll.

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