Kurzfassung
Im Kiew-Express fährt Europas Spitzenpolitik offenbar mit bemerkenswertem Begleitprogramm: 2022 soll Wein nach Aussage des damaligen italienischen Botschafters Pier Francesco Zazo bei der Überzeugungsarbeit für Olaf Scholz „sehr geholfen“ haben. 2025 wurde dagegen aus einem Taschentuch vor Emmanuel Macron im Internet ein angebliches Kokainpäckchen. Der Unterschied ist entscheidend: Der Wein ist belegt, der Drogenverdacht nicht. Gemeinsam ist beiden Geschichten nur der Nachtzug – und reichlich Stoff für politische Zweideutigkeiten.
Inhaltsverzeichnis
Nachtzüge nach Kiew entwickeln sich zum politischen Sonderformat: lange Fahrten, geschlossene Abteile, große Entscheidungen – und anschließend Geschichten, bei denen man sehr genau unterscheiden muss, was tatsächlich auf dem Tisch lag und was nur im Internet daraus gemacht wurde.
Merz, Macron und der angebliche Kokain-Zug
Im Mai 2025 reisten Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer gemeinsam nach Kiew. Ein Video aus dem Zug zeigte Macron, wie er einen zusammengeknüllten weißen Gegenstand vom Tisch nahm. Im Netz wurde daraus blitzschnell ein angebliches Kokainpäckchen; auch ein Gegenstand vor Merz bekam prompt die Karriere zum vermeintlichen „Kokainlöffel“. 1reuters.com
Reuters dokumentiert die verbreiteten Kokainbehauptungen und die Klarstellung, dass es für Drogenkonsum keinen Beleg gab.
Die französische Seite erklärte: Taschentuch statt Tütchen. Belastbare Belege für Kokainkonsum durch Macron, Merz oder Starmer erschienen nicht. Die Reise selbst und die gemeinsame politische Mission nach Kiew sind dagegen amtlich dokumentiert. 2elysee.fr
Der Élysée dokumentiert Macrons gemeinsame Kiew-Reise mit Merz, Starmer und Tusk im Mai 2025.
Damit bleibt vom vermeintlichen weißen Kiew-Express vor allem eines übrig: ein Gerücht mit Hochgeschwindigkeit. Wer Merz daraus einen Drogenkonsum andichten will, hat mehr Fantasie als Beweismaterial.
Scholz: Wenn der Wein „sehr hilft“
Bei Olaf Scholz ist die Flüssigkeitslage besser dokumentiert. Der frühere italienische Botschafter in der Ukraine, Pier Francesco Zazo, erinnerte sich 2026 an die gemeinsame Zugfahrt von Scholz, Macron und Mario Draghi im Juni 2022. Draghi und Macron hätten Scholz für die Unterstützung des ukrainischen EU-Kandidatenstatus gewinnen wollen. Und Wein? Der sei da gewesen – und habe laut Zazo „sehr geholfen“. 3eurointegration.com.ua
Ex-Botschafter Zazo schildert die Verhandlungen im Zug und die Rolle von Draghi, Macron, Scholz und Wein.
Das ist eine herrliche Vorlage für jede Stammtischüberschrift – aber kein Beweis dafür, dass Scholz seine Entscheidung im Zustand vinologischer Willenlosigkeit traf. Fest steht: Am 16. Juni erklärte der Kanzler in Kiew öffentlich seine Unterstützung für den Kandidatenstatus. Wenige Tage später bekräftigte er diese Position ausdrücklich vor dem Bundestag. 4bundesregierung.de
Scholz erklärte öffentlich, Deutschland werde sich für ein geschlossenes Ja der EU zum ukrainischen Kandidatenstatus einsetzen.
Auch der Élysée dokumentierte die Kiew-Reise von Scholz, Macron, Draghi und Klaus Iohannis sowie die intensiven Gespräche über die ukrainische EU-Kandidatur. 5elysee.fr
Die französische Präsidentschaft dokumentiert Reise, Teilnehmer und Gespräche über den EU-Kandidatenstatus der Ukraine.
Die EU-Linie entstand nicht im Speisewagen
So verführerisch das Bild vom europäischen Schicksalsbeschluss zwischen Weinglas und Schlafwagen auch ist: Die Entscheidung hatte ein förmliches Verfahren. Am 17. Juni 2022 empfahl die EU-Kommission, der Ukraine den Kandidatenstatus zu geben – verbunden mit weiteren Reformanforderungen. 6ec.europa.eu
Die EU-Kommission empfahl am 17. Juni 2022 offiziell den Kandidatenstatus für die Ukraine unter Reformbedingungen.
Am 23. Juni beschlossen schließlich die Staats- und Regierungschefs der EU, der Ukraine und Moldau den Kandidatenstatus zuzuerkennen. 7consilium.europa.eu
Der Europäische Rat dokumentiert den förmlichen Beschluss zum Kandidatenstatus für die Ukraine und Moldau.
Also: 2022 tatsächlich Wein im Zug. 2025 tatsächlich ein weißes Taschentuch. Dazwischen liegen drei Jahre europäischer Politik und ein himmelweiter Unterschied zwischen belegter Anekdote und unbelegtem Drogenverdacht. Europas Kiew-Züge liefern genug politische Realsatire – man muss ihnen wirklich kein Kokain dazuerfinden.
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