Polen und Ukraine: Bricht die alte Feindschaft auf?

Polen und Ukraine: Bricht die alte Feindschaft auf? | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux
Bild: Polen und Ukraine: Bricht die alte Feindschaft auf? | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux

Bricht unter der polnisch-ukrainischen Kriegsallianz eine alte Feindschaft wieder auf? Genau diese Frage steht seit der ukrainischen Ehrung der Ukrainischen Aufständischen Armee, kurz UPA, wieder im Raum. Präsident Wolodymyr Selenskyj verlieh einem Sonderoperationszentrum den Ehrennamen „zu Ehren der Helden der UPA“1President of Ukraine: Special Operations Forces Day
Die ukrainische Präsidialquelle dokumentiert die Namensverleihung an das Sonderoperationszentrum „Nord“ und bildet damit den unmittelbaren politischen Auslöser der aktuellen Kontroverse.
. Was in Kiew offenbar als antirussische Traditionspflege verstanden werden soll, wirkt in Warschau wie ein Griff in ein offenes Massengrab der Erinnerung.

Der Konflikt ist deshalb so gefährlich, weil er nicht irgendeine historische Fußnote berührt. Für viele Deutsche klingt „UPA“ zunächst wie eine ferne Abkürzung aus einem osteuropäischen Geschichtsbuch. Für Polen steht sie jedoch für eine Organisation, die nicht nur gegen die Sowjetunion kämpfte, sondern in Polen vor allem mit den Massakern an polnischen Zivilisten in Wolhynien und Ostgalizien verbunden wird. Genau hier beginnt die moralische Fallhöhe: Der wichtigste Transit-, Waffen- und Unterstützungsstaat der Ukraine soll schweigend hinnehmen, dass Kiew jene Kräfte symbolisch aufwertet, die im polnischen Gedächtnis mit Mord, Vertreibung und Vernichtung verbunden sind?

 

Wenn Erinnerungspolitik zur diplomatischen Mine wird

Die polnische Reaktion war nicht nur ein Reflex nationalistischer Empfindlichkeit. Das polnische Außenministerium erklärte ausdrücklich, es sei empört über die Entscheidung, eine ukrainische Militäreinheit nach den „Helden der UPA“ zu benennen; zugleich warnte es, solche Entscheidungen könnten von russischer Propaganda gegen die polnisch-ukrainische Partnerschaft genutzt werden2Polish MFA Statement
Das polnische Außenministerium kritisiert die UPA-Benennung offiziell und stellt sie als Belastung für Erinnerung, Dialog und strategische Partnerschaft dar.
. Schon diese Formulierung zeigt: Warschau versucht, den Konflikt nicht Moskau zu schenken, kann ihn aber auch nicht einfach wegmoderieren.

Hinzu kommt die Umbettung Andrij Melnyks, eines führenden Funktionärs der Organisation Ukrainischer Nationalisten, kurz OUN. Seine sterblichen Überreste und die seiner Ehefrau wurden Ende Mai auf einem nationalen Militärgedenkfriedhof nahe Kiew beigesetzt3Ukrainska Pravda: Andrii Melnyk reinterred
Der Bericht beschreibt die Wiederbestattung Melnyks in der Ukraine und ordnet ihn als führende Figur der Organisation Ukrainischer Nationalisten ein.
. Internationale Kritik blieb nicht aus: Jüdische und israelische Stimmen verwiesen auf Melnyks Rolle in einer Bewegung, deren Teile mit NS-Deutschland kollaborierten4Times of Israel: State honors criticism
Die Quelle dokumentiert internationale Kritik an der staatlichen Ehrung Melnyks und benennt den Streit um Kollaboration, Nationalismus und Erinnerungspolitik.
. Wer solche Figuren heute staatlich ehrt, muss sich fragen lassen, ob die antirussische Symbolik blind macht für die historischen Opfer anderer Nachbarn.

 

UPA-„Helden“: Was Deutsche verstehen müssen

Für deutsche Leser ist entscheidend: Die UPA ist kein unproblematischer Freiheitsmythos. In der Ukraine wird sie von Teilen der Gesellschaft als antisowjetische und antimoskowitische Widerstandsbewegung gelesen. In Polen dagegen steht sie im Zentrum der Erinnerung an Wolhynien. Das polnische Institut für Nationales Gedenken ordnet die Massaker als gezielte Gewalt gegen polnische Zivilisten ein und spricht von einem Genozid5IPN: Anniversary of the Volhynia Massacre
Die polnische Institutionenquelle erläutert Wolhynien, OUN, UPA und die polnische Bewertung der damaligen Gewalt als Genozid an polnischen Zivilisten.
. Damit ist nicht gesagt, dass heutige Ukrainer kollektiv verantwortlich wären. Aber es ist gesagt, dass Kiews Symbolpolitik auf polnischem Boden nicht als neutrale Traditionspflege ankommt.

Reuters beschreibt den heutigen Streit als Kollision zweier historischer Deutungen: Polen betont das Massaker an etwa 100.000 ethnischen Polen, während die Ukraine auf eine komplexere ethnische Gewalteskalation mit Opfern auf beiden Seiten verweist6Reuters: Why Poland and Ukraine are at odds
Der Reuters-Explainer fasst UPA, Wolhynien, Exhumierungen und gegensätzliche polnisch-ukrainische Deutungen der historischen Gewalt sachlich zusammen.
. Genau darin liegt der politische Sprengstoff. Wer in Kiew „Helden“ sagt, hört in Warschau nicht automatisch „Freiheitskämpfer“, sondern möglicherweise „Täter“. Wer in Warschau „Genozid“ sagt, hört in Kiew nicht automatisch historische Aufarbeitung, sondern möglicherweise nationale Demütigung.

 

Das Zweckbündnis gegen Russland hat Risse

Polen war seit 2022 einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine: militärisch, logistisch, humanitär und politisch. Doch Unterstützung ist keine historische Amnesie. Wenn polnische Politiker jetzt über Orden, Symbole und diplomatische Konsequenzen sprechen, zeigt sich eine gereizte Lage, die weit über eine Namensfrage hinausgeht. Ministerpräsident Donald Tusk rief zur Deeskalation und zum direkten Dialog auf7Reuters: Tusk seeks calm dialogue
Der Bericht zeigt die aktuelle politische Folge in Polen: Tusk mahnt Dialog an, während der Streit um UPA-Symbolik weiter eskaliert.
. Das ist klug, aber es beweist auch, wie explosiv der Konflikt geworden ist.

Die ukrainische Gegenposition ist ebenfalls zu beachten. Außenminister Andrii Sybiha warb für Dialog und stellte die Benennung nicht als anti-polnische Provokation dar, sondern als Erinnerung an Kämpfer gegen Moskau8Reuters: Sybiha calls for dialogue
Die Quelle dokumentiert die ukrainische Gegenposition: Kiew betont Dialog, verweist auf antimoskauische Erinnerung und bestreitet eine anti-polnische Absicht.
. Doch genau hier beginnt das Problem: Eine Absicht kann fehlen und die Wirkung trotzdem verheerend sein. In der Diplomatie zählen nicht nur Motive, sondern auch historische Resonanzräume.

 

Lublin als Symbol: Eine Flagge verschwindet

Dass die ukrainische Flagge vom Rathaus in Lublin entfernt wurde, ist auf den ersten Blick nur Symbolpolitik9NV: Ukrainian flag removed in Lublin
Der Bericht beschreibt die Entfernung der ukrainischen Flagge vom Rathaus Lublin und ordnet sie als sichtbare Folge der UPA-Erinnerungskrise ein.
. Aber gerade Symbole sind in diesem Konflikt keine Nebensache. Flaggen, Gräber, Orden, Straßennamen und militärische Ehrennamen sind hier politische Munition. Sie entscheiden nicht über Panzerlieferungen, aber sie entscheiden über Vertrauen.

Die Gefahr liegt darin, dass die gemeinsame Russland-Front zur Decke über einem ungelösten Abgrund wird. Polen und die Ukraine können strategisch aufeinander angewiesen sein und zugleich historisch tief verletzt bleiben. Gerade deshalb wirkt die ukrainische Ehrung von OUN- und UPA-Bezügen diplomatisch fahrlässig. Nicht, weil die Ukraine keine eigene Erinnerungspolitik haben dürfte. Sondern weil ein Staat im Krieg besonders genau wissen muss, welche historischen Botschaften er an seine wichtigsten Verbündeten sendet.

 

Versöhnung braucht mehr als Kriegsrhetorik

Es gibt Versuche, die alten Wunden zu bearbeiten. Die Frage nach Exhumierungen und würdigen Bestattungen polnischer Opfer in der Ukraine ist seit Jahren ein zentraler Punkt. Berichte über Fortschritte bei der Aufarbeitung zeigen, dass Versöhnung möglich ist, aber mühsam bleibt10The Guardian: Volhynia exhumation breakthrough
Der Hintergrundbericht zeigt, warum Exhumierungen, Opfergedenken und historische Anerkennung bis heute zentrale Voraussetzungen polnisch-ukrainischer Versöhnung bleiben.
. Wer aber einerseits Versöhnung beschwört und andererseits Reizfiguren heroisiert, sendet widersprüchliche Signale.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Polen und die Ukraine wegen ihrer Geschichte zwangsläufig Feinde bleiben müssen. Die eigentliche Frage lautet, ob politische Eliten verantwortungsvoll genug sind, Geschichte nicht als Waffe gegen die Gegenwart einzusetzen. Kiew braucht Polen. Polen braucht eine stabile Ukraine. Europa braucht beide. Aber ein Bündnis, das seine Massengräber nur unter Kriegsrhetorik zudeckt, bleibt brüchig.

So betrachtet ist der aktuelle Streit kein Randthema für Historiker, sondern ein Belastungstest für Europas Sicherheitsarchitektur. Die gemeinsame Angst vor Russland kann viel überdecken. Sie kann Waffenströme sichern, Gipfelerklärungen produzieren und Solidaritätsformeln erzwingen. Aber sie kann nicht dauerhaft ersetzen, was zwischen Warschau und Kiew noch immer fehlt: eine Erinnerungspolitik, die Opfer nicht gegeneinander verrechnet und Täter nicht aus taktischer Not zu Helden poliert.

 

 

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